VATER, Deiner (Herbert Beesten – 2015)

Eine Performance

(Regieanweisungen kursiv und nicht fett)

(Ausgangssituation in einer Ecke des Raumes, oder hinter einer Stellwand, einem Pfeiler oder einem Vorhang, wenn nicht möglich, kann als Ausgangspunkt ein Stuhl oder Sessel dienen. Beginn, Zwischenstopp und Ende dann mit dem Rücken zum Publikum.)

(Der erste Teil soll kräftig, meist laut und dominierend vorgetragen werden, adressiert an jemanden, vor dem man große Angst hatte, der einem aber jetzt nichts mehr anhaben kann. Zum Ende hin steigern.)

(Im zweiten Teil ist ein Rollenwechsel, ein Vater, der der Sohn aus dem ersten Teil ist, der so vieles anders machen wollte als sein Vater. Anscheinend mit dem gleichen Ergebnis: Keine Kommunikation mit dem Sohn! Deswegen hier ruhigerer Duktus, aber zweifelnd, bittend, flehend, auch nach Erklärungen suchend. Um Entschuldigung bitten?)

bobobobobobo obobababababababab ababababababbobobobobobabababab

Ppapapapapapapapapapa

(unregelmäßige, kleine stockende Pausen, manchmal Stottern, langsam zum Publikum wenden.Aanfangs klingt es wie ein Hubschraubergeräusch, das sich dann langsam zu „Papa" entwickelt.)

papapa papap papa pa pa papa papa papa papa Papapapa pa pa

(rufend, nicht fragend, als würde der Sohn den Vater „ihn" gerade entdeckt haben, ihn fordern)

Papa! Papa! (dann ärgerlich, langgezogen) Paaaaapaaaaaaa !

(Pause)

Papa?

(Pause, umschauen im Raum, umhergehen, in die Ecken der Zimmerdecke schauen)

Papa, ….. Papa, ……… hörst du mich

Wo bist du? Papa?

Im Himmel ? Papa, Im Himmel? (etwas ungläubig)

Papa im Himmel. (mit einem etwas abfälligen Lachen)

Ja, ja, hast immer daran geglaubt, an den Himmel

Hörst du mich, Himmel, hörst duuuu mich? Himmel (das zweite „du" sehr eindringlich)

Schaust wieder auf mich runter?

Ich, ich, ja, ich musste immer hören, hören!!!! Sonst fühlen! (nach oben schauen und bei „fühlen" eine Hand abwehrend noch oben heben, zusammenzucken)

Nur einmal, als ich dich bei deinem Vornamen rief. Das hörtest du!

Ja, und da, da machtest du mir Angst

mit deinem Namen, in deinem Namen.

Das war dir zu eng, zu nah, zu persönlich, vor allem vor den Nachbarn!

Das war dir zu eng, zu nah, zu persönlich, vor allem vor den Nachbarn! (zweites Mal gesteigert)

Papa, Papa, papapapapapapapappa. Papa hörst du mich?

Deine Kette aus Angst - für mich.

Ich sollte es ….. besser haben …. es besser haben (mit bissigem lautem Lachen)

Lass mich doch in Ruhe, mit deinen Zweifeln, ….. schafft er es auch???

Hörst du mich Papa, papap … Papa? (wieder leiser)

Ich höre dich nicht … Warst doch sonst immer so laut!

Mir zu viel aufgeladen, von deinen Wünschen, deiner Angst.

Angst, vor den Bösen, dem Bösen, glaubst du immer noch an das Böse, auch da oben, das Bööööössee! Das Bööööööse! (steigern, jedes „Böse" länger und kräftiger)

… gegen das du dich damals hier mit Steinen eingemauert hast.

Meine Hand, blutet… (zeige dem Zuschauern deine „blutende" Hand, eventuell die blutende Hand/Arm einer Schaufensterpuppe) … spucktest du deine ganze Angst genau auf diese Stelle. (spucke auf deine Hand)

Und das sagtest du: „Ungeschicktes Fleisch, das muss weg, weg", „Ungeschicktes Fleisch, das muss weg, weg" (zweites „ungeschicktes Fleisch" gesteigert und, wenn eine Schaufensterpuppenhand zur Verfügung steht, die Hand Richtung Publikum auf dem Boden entlang schleudern, dass sie zu Füßen der ersten Zuschauerreihe landet)

Papapapapapapapapapapapapapapapababababababababababababab

(Laut, dann leiser werdend)

papapapapapapapapap papapapapapap Papapapapapapapapappapapap

(dann wieder zum Ausgangspunkt zurück, in eine Raumecke oder hinter einen Pfeiler, eine Stellwand … erster Teil beendet)

(dann Stille … 5 bis 10 Sekunden … dann zweiter Teil, insgesamt leiser, ab hier eher bittend, weinerlich, eher ängstlich jemanden bittend ….)

Hallo,

Hallo, Hallo, …… Hallo ? (lauter, trotzdem zurückhaltend bleiben. Das Publikum muss sich anfangs anstrengen, umzu verstehen,, langsam wieder aus der Deckung kommen)

Hallo, Hallo, …… Hallo ?

Ich höre dich nicht, ich höre dich nicht!!!! (umschauen, suchend, unsicher)

Ich kann dich nicht hören,

Warum sagst du nichts

Meld‘ dich doch

Ich bin’s. Wo bist du? (hin und her laufen, im Raum suched, auch mal ans Publikumwenden , dort jemanden suchen)

Ich bin`s doch, dein Vater, dein Vater … (Pause)

„Mein Papa", hast du nie gesagt, immer meinen Vornamen.

Das war mir so wichtig,

ja, das sollte enger sein, nicht so nach oben, mehr wie ein, …. ein ….. großer Bruder. (das letzte langsam, als würde gerade die Erkenntnis kommen)

(die vorgehenden Sequenzen in verschiedene Richtungen sprechen, als wäre deranwesend, der angesprochen werden sollte)

Ja, aber den hattest du ja schon, (Feststellung)

hallo, duuuuuu. Hörst du mich?

Ich höre, ich höre dich nicht

Wäre Papa besser gewesen, wäre ein Papa besser gewesen …? (als kräftige Frage, Lautstärkesteigernd)

Papapapapapapapapapapapapapapa papapapapapa … (leise)

Warum höre ich nichts von dir? (fragen)

Brauchst doch keine Angst zu haben vor mir, doch nicht vor mir!!! (lächeln, aber beim Sprechen mit dem Kopf schütteln)

Ja, ich weiß, es tut mir leid.

Aber, aber, es ging nicht anders.

Ich konnte es nicht mehr aushalten. (verzweifelt)

Glaub mir doch …. Warum glaubst du mir nicht? (bitterlich fragend))

Ja, den Glauben, den hab ich dir erst gar nicht gegeben, (Feststellung!)

aber kein Himmel heißt auch keine Hölle,

keine Hölle

Hörst du?Keine Höööööölllleeee !! ( Laut werden!)

Ich hatte Angst. Du solltest keine Angst haben, du solltest doch frei sein, keine Hölle. Hörst du? Keine Hölle

… nicht mein eigen Fleisch und Blut

…solltest es besser haben, (erkennendes Kopfnicken) besser haben … (nachdenklich)

(aufgeschreckt) Hallo, bist du noch da? Geht es dir besser?

Wo bist du jetzt, ich höre dich nicht

babababababababaab (so tun, als würde man etwas hören …)

lauter, ich höre dich nicht

babababab

warum? Ich höre dich nicht

Wo bist du, wo, wo, wo ??? (langsam wieder zurück zum Ausgangspunkt,Raumecke, hinter Stellwand, Vorhang, Säule …etc)

Komm doch, …. bevor ich …. tot gehe

papapapapapapap papapapapapap

dududu wawawawaw bbaba babababababa ababab aba babobbobobobobob

(wieder in den Hubschraubersound wechseln, wenn der Ausgangspunkt wieder erreicht worden ist, dort noch ca 5 .. 10 Sekunden anhalten)

Still warten, versteckt oder mit dem Rücken zum Publikum, erst reagieren, wenn das Publikum reagiert.


Sommerschlussspagat in Planegg (Herbert Beesten 2016)

irgendwo geht der Sinn der Sonne

der Mond löst sich vom Kondensstreifen

zum ersten Mal in diesem Jahr würziges Herbstlaubbitter

irgendwo das Oktoberfest, schon im September

waschen, schneiden, föhnen, ohne Anmeldung

geschlossen, wie die Engelapotheke

die Volksbankfiliale öffnet automatisch

zu großer Schein

Printen im Supermarkt teilen das Jahr und den Hunderter

der Himmel ist aus, bis auf den Halbmond,

letztes Kinderdirndl im Schaufenster

rastlos dumpfe Flugzeuge

irgendwo da oben

teilen die Einsamkeit


Szenen aus dem Kabinett der Künste

oder

Indische Gedenkminute ans Cafe Central

Meine Schnauze brennt mir, von den Gedenkminuten, an Karsten, ans Central, an Claudia, und das ist nicht zweideutig!

Frisches Abendbrötchen, Glaskonservenreste dekandierend, in Ermangelung einer Gabel hake ich mit einer geschickten Drehung des Spiralkorkenzieher aus dem einen Glas "Teufli - Pikant-rote Pfefferonen, gefüllt mit Frischkäsezubereitung“, aus dem anderen Glas "Türkel - getrocknete Tomaten in Pflanzenöl". Knapp über dem Glas zuschnappend, die Ölreste manchmal runtertropfend, manchmal wieder hoch spritzend, ab und zu im Bart tropfend und in den Mundwinkeln brennend. Beim Abgang heiß brennend eine Spur zieht, aber grad nicht zu heiß. Mit gezupften Körnerbrötchenstückchen den Pfeffer besänftigen und das Öl auf- und wegnehmend.

Dazwischen mit den Getränkerestbeständen gespült "Desperado - Bier, aromatisiert, mit Tequila“. Mein erster Alko-Pop, zum Gedenken des in Katmandu weilenden Karsten samt seiner Claudia.

Irgendwann ist alles das erste Mal. Ein Cafe verkauft, mit Korkenzieher Antipasti aus öligen Gläsern geangelt, die scharfe Spitze des Korkenziehers dabei vorsichtig und mit Respekt abgelutscht, ohne mit der widerhakigen Spitze ein Zungenkussduell einzugehen.

Zungenschlag, fett, ölig, als Rutschbahn für die Peperonispitzen, die am Ende meines Schlunds zwischen Dickzunge und Gaumen zermatscht, zerrieben, verdrückt werden, nicht ohne eine Pfefferspur mucken zu lassen, wohl wissend, das danach entweder das flüssig-leichte Desperado abperlt, oder der frische Brötchengeschmack der Glitschbahn in die Speiseröhre folgen.

Und eine Röhre habe ich, die ich, auch zum Gedenken an Kat, an Mann, an Du röhren lassen will.

Also, noch eine gute Zeit. Ich werde mit den Rest Schnaps- und Likörflaschen noch manche gedenkliche Minute verbringen können. Mal sehen ob es reicht, bis wir wieder hier gemeinsam denken.

Ich lese schon mal "Ab morgen werd ich Künstler" von BB, Brigitte Birnbaum - über die Situation, als Heinrich Zille nach 30 Jahren Arbeit arbeitslos wird und dann seine Künstlerleben richtig begann – nun ja, ich arbeite seit 29 Jahren regelmäßig – hab ich noch ein Jahr?

.... eine Momentaufnahme: Hoffe, es geht euch gut. 

 

Herbert Beesten Texpproben aus:

Köppen & Rilke 1919

… was wollt ihr hören … ?

 

„Der Krieg brach wirklich aus – Gespräche und Begegnungen mit Edlef Köppen". Herausgeber Albrecht Frank, Erschienen im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale).

 

http://www.amazon.de/Der-Krieg-brach-wirklich-aus/dp/3954621908

 

Inhalt:

Prolog

Brief Kiepenheuer an Kippenberg        28.04.1919 Potsdam

Brief Kippenberg an Kiepenheuer        04.05.1919 Leipzig

Köppen träumt                               05.05.1919 München

Brief Kiepenheuer an Kippenberg        12.05.1919 Potsdam

Brief Kippenberg an Kiepenheuer        17.05.1919 Leipzig

Plakat Dichterwettbewerb                 20.05.1919 München

Tagebucheintragung Köppen             30.05.1919 München

Das Kabinett                                  06.06.1919 München

Brief Kippenberg an Kiepenheuer        09.06.1919 Leipzig

Brief Rilke an Köppen, Malte verköppt 10.06.1919 München

Gefälle                                          jetzt         hier

 

Prolog

Anfang Juni 1919 treffen Edlef Köppen und Rainer Maria Rilke in München in einem Dichterwettkampf aufeinander. Ein halbes Jahr nach Kriegsende. Umbruch. Anfangswirren zur Weimarer Republik.

Ob die beiden, von Statur ähnlichen, aber sonst so verschiedenen Männer, sich tatsächlich getroffen haben, sei dahingestellt. Wenn es tatsächlich zu einem Vergleich zwischen den beiden im öffentlichen Raum gekommen wäre, würde dies mit Sicherheit in einer der vielen Rilke-Biographien und -Chroniken zu lesen sein, zumindest als Randnotiz.

Köppen, 26 Jahre, gerade 4 Jahre Front hinter sich, nimmt das Studium in München wieder auf, das er dort vor dem Krieg angefangen hatte. Gesundheitlich durch Kriegsverletzungen angeschlagen, relativ mittellos, versucht er sein Leben wieder zu ordnen. Im Krieg hat er schon erste Gedichte veröffentlicht, nun steht er an der Schwelle zum Dichter, Schriftsteller und Sprecher. Durch seinen Freund Hermann Kasack ist er schon etwas in die literarische Szene eingeführt, aber bescheidene Randfigur.

Rilke, 17 Jahre älter – er absolvierte im Jahr 1916 nur ein halbes Jahr Militärdienst in einem Archiv in Wien – war 1919, also zu der Zeit, in der meine Geschichte spielt, schon bekannt und anerkannt, konnte vom Dichten leben. Er war Autor des renommierten Insel-Verlages und immer wieder im Mittelpunkt des literarischen Geschehens.

Meine Recherchen haben ergeben, dass Köppen spätestens ab dem 6. Mai, dem Anfang des Sommersemesters 1919, und Rilke bis zum 11. Juni 1919 in München war, er dann in die Schweiz abreiste und nie wieder nach Deutschland zurückkam.

Im Mittelpunkt steht ein Dichterwettstreit, den ich wie einen ganz frühen Poetry-Slam gestalte, mit Elementen des Theaters, eines surrealen Kabinetts. Auf der einen Seite der berühmte Dichter mit seinem Cornet, damals schon ein Bestseller. Auf der anderen Seite der Underdog Köppen mit den ersten Fragmenten vom ‚Heeresbericht’ in den mageren Händen.

Mai/Juni 1919 war eine unruhige, gefährliche Zeit, besonders in München.

….

Köppen träumt:

Er muss sich immatrikulieren, betritt ein großes Gebäude über eine breite Treppe, Säulenhalle, wieder Treppen, schmiedeeiserne kalte Geländer, wieder Aufgänge, Schritte hallen, lange Flure.

Er sucht eine Tür, tritt ein, steht in einer Schreibstube, an der Kopfseite eines engen, endlos langen Raumes, eine lange Reihe von Schreibtischen nacheinander, soweit er sehen kann. Hinter jedem Schreibtisch ein steif sitzender Mann, korrekt gekleidet, die Hände schweben über den Tasten von klotzigen schwarzen Schreibmaschinen, die Finger starr, leicht gespreizt, ein Blatt ist eingespannt, zum Beschreiben bereit. Aber sie schreiben nicht, diese Hände, diese Männer, halten inne, alle, starren ihn, Köppen, an. Stumm.

Knapp schräg hinter diesen Schreibbereiten, an jedem der Tische, kleine geduckte Männer, nicht so förmlich gekleidet, halten ein weißes, unbeschriebenes Blatt bereit. Hinter diesen Männern, noch weitere, kleinere, die auch jeweils ein weißes Blatt in der Hand halten. Am ersten Schreibtisch erkennt Köppen, dass da noch mehrere kleinere Männer stehen, die kleinsten, das sieht er jetzt genau, sind Kinder, kleinwüchsige Jungen mit zu großem Kopf, einem Baby-Kopf. Diese Menschen-Ketten, alle wie eingefroren, all ihre Blicke gebannt auf Köppen.

Er steht in einer langen Reihe an, junge Männer vor ihm werden von einem großen dicken Mann hinter einem Katheder laut und frech abgefertigt. Köppen kann nicht verstehen, worum es geht. Um Immatrikulation geht es doch nicht? Ist er falsch? Er wird noch lange warten müssen. Plötzlich kippen die Männer in der Reihe vor ihm einfach um, bums, einfach so um, nach rechts, kriechen zurück zu der Tür, durch die Köppen den Raum betreten hat, an ihm vorbei.

Er wendet sich auch zurück, ruft ihnen nach: „Was ist, seid ihr schon fertig?"

„Ex", raunt jemand von den Kriechenden ihn an, „Ex!", dann mehr singend, langgezogen, die anderen mit wie im Chor: „Eeehhex"!

Köppen versteht nicht, fragt, flüstert „Ex? Ex? Was ist Ex?" Die Kriechenden antworten irgendetwas, er hört Worte, weiß aber nicht, was sie bedeuten. Lateinisch oder Bairisch? Köppen muss lachen, laut lachen. Ist er im Himmel? Die Kriechenden lachen mit, alle, laut, alle, kriechen weiter, freuen sich, verlassen den Raum.

…..

Das Kabinett

München-Haidhausen, Elektrizitätswerk an der Zellstraße, rechts der Isar, Nähe Müller’sches Volksbad.

6. Juni 1919, halb 9 Uhr abends.

Eine Werkstatt, gut zwölf mal fünfundzwanzig Meter, fast eine Halle. Öl-, Metallgeruch in der Luft, Gedränge.

An der einen Seite zur Isar hin große Fenster, wirken durch die Bögen fast sakral, wäre das Glas nicht schmutzig-blind, der grobe Rahmen. Elektrisches Licht strömt grell aus den Metalldampflampen von der Decke. Zu wenig Licht von außen, das auch noch von der schattig-grauen Patina der ehemals weißen Wände und dem Asphaltboden geschluckt wird.

An der Kopfseite des Raumes, vorne, gegenüber den verschmierten, abgegriffenen großen Flügeltüren des Eingangs, ein grobes Holz-Podest, halber Meter hoch, fünf Meter breit, drei tief. Etwas davor, seitlich, jeweils zwei Bauscheinwerfer auf Stativen, strahlen Richtung Podest.

Reihen von Biertischbänken, jeweils 3 nebeneinander, in der Raummitte, von vorne vom Podest bis hinten knapp vor die Flügeltür, eng hintereinander zehn, fünfzehn Reihen. Alles besetzt. Bunt. Menschen wimmeln, reden laut, lachen. Entlang der rechten Seite der Werkstatt, von dem Podest aus gesehen, da wo keine Fenster sind: Drehmaschinen, Metallhobel, eine Ständerbohrmaschine, Eisensäge, alle matt-schwarz, über breite Lederriemen an die Transmissionswelle, die in drei, vier Metern Höhe entlang der Wand verläuft, gebunden. Über das alles hinweg, auf zwei rechts und links knapp unter der Decke verlaufenden Schienen, ein Brückenkran, der alles erreichen könnte, jetzt aber seinen Haken ängstlich eng an sich gezogen hat. Hinten rechts, in der Ecke ein Schmiedefeuer, kalt.

Leute sitzen auch auf den zur Fensterseite gerückten Werkbänken, die sonst in der Mitte stehen - wie auf Logenplätzen. Dahinter sitzen, noch höher, junge Leute, zusammengedrückt auf den drei breiten Fensterbänken, Schulter an Schulter, Beine baumeln herunter, wie Balkone im Theater, nur dass man die Schuhe sieht, alles nicht so fein, dreckiger, eben wie in einer Werkstatt, nicht feierlich, alles solide, fest.

Das gefällt Köppen, diese Enge, der Geruch aus Öl, Farbe, saurem Schweiß, nach schalem Bier, nach kaltem Kohlenfeuer, als sie zu dritt aus der Meisterbude zwischen zwei Drehmaschinen heraustreten, in die große Werkstatt, Richtung Holz-Podest, das für einen Abend Bühne sein darf.

Die Deckenlampen werden von hinten, entlang ihrem Gang nach vorne, ausgeschaltet. So dämmert die Größe des Raumes, verliert sich, aber das leere Podium findet sich noch, bleibt im Licht. Gespräche, Lachen, Bierleutseligkeit verebben langsam …

…..

Hinten aus der Werkhalle, von den letzten Fensterbänken wird „Lauter, lauter, mir hörn nix!" gerufen. Zustimmende Unruhe im Saal. Köppen, etwas verunsichert, überlegt, ob er noch einmal den Anfang wiederholen soll, baut sich auf, hebt das Kinn, wird lauter, wacher, setzt fort:

„Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen usw. verordnen auf Grund des Artikels 68 der Verfassung des Deutschen Reiches wie folgt: Das Reichsgebiet, ausschließlich der Königlich bayrischen Gebietsteile, wird hierdurch in Kriegszustand erklärt, Potsdam 31.7.1914"

Köppen stoppt hier, schaut auf, scharf durch seine Brille gegen die Baustrahler, den knabenhaften Kopf etwas schräg, wachgewordene Augen gehen ins Publikum. Dann wirft er Worte, wie abgepackte Brocken, im Befehlston, der sich steigert, in den Raum. Das kann er. Wofür war er denn Offizier?

„Schlamassel, Karre aus der Scheiße holen.

Essen fassen, Eiserne Reserve.

Artilleriefritze, Panzerfernrohr, Scherenmarsch.

Der Feind trommelt!

Offizierskasino, Biwakhatz.

Sperrwalze: Feuer! Feuer!! Feuer!!!

Lafettenretten, Protzen, Latrinengerüchte.

Mann, hau dich hin, Mann!

Der Feind trommelt!"

Köppen, stoppt still, Pause, enger als Rilkes.

Das saß! Erschrockene Ruhe haut ein Loch in den Raum, das sich erst langsam von hinten von den Fensterbänken, über die Werkbänke mit Flüstern füllt. Die Damen in der ersten Reihe irritiert. Köppen gibt mit seinem linken Arm einen Wink und damit Rilke das Signal, dass er ihm jetzt das Feld überlässt.

Der sucht in seinen Unterlagen, blättert vor. Um seinen fremden Lippenbart ist so etwas wie ein Kauen, er blättert zurück, er spitzt den Mund, als wenn er etwas schmecke, dann greift er mit spitzen Finger – seine Augenbrauen ziehen sich kurz hoch – zwei Blätter wie plötzlich wiederentdeckte, lang vermisste getrocknete Blätter eines exotischen Baumes. Er räuspert sich in die andere Hand, hält ein Blatt erhoben in seiner rechten Hand so vor sein Gesicht, dass einige der Zuschauer ihre Stellung wechseln müssen, um Rilkes Gesicht noch sehen zu können, hören ihn, ruhig, fast lächelnd, sprechen:

„So reitet man in den Abend hinein, in irgend einen Abend. Man schweigt wieder, aber man hat die lichten Worte mit. Da hebt der Marquise den Helm ab. Seine dunklen Haare sind weich und, wie er das Haupt senkt, dehnen sie sich frauenhaft auf seinem Nacken. Jetzt erkennt auch von Langenau: Fern ragt etwas in den Glanz hinein, etwas Schlankes, Dunkles. Eine einsame Säule, halb verfallen. Und wie sie lange vorüber sind, später, fällt ihm ein, dass das eine Madonna war."

Rilke nimmt schnell das zweite Blatt, nun die Stimme lauter, er wippt etwas nach vorn auf die Fußspitzen, wird größer, ernster:

„Sie reiten über einen erschlagenen Bauer. Er hat die Augen weit offen und etwas spiegelt sich darin; kein Himmel. Später heulen Hunde. Es kommt also ein Dorf, endlich. Und über den Hütten steigt steinern ein Schloss. Breit hält sich ihnen die Brücke hin. Groß wird das Tor. Hochwillkommen das Horn. Horch: Poltern, Klirren und Hundegebell! Wiehern im Hof, Hufschlag und Ruf."

Zuletzt war es auch wie ein Ruf von Rilke, über die Köpfe der Zuhörer hinweg, in dieses Werkstattloch hinein. Nur eine kleine ruckhafte Kopfdrehung vom ihm zur Mitte der Bühne hin fordert Köppen zum Weitermachen auf, der mit Metall in der Stimme returniert:

….

 

 

 

Post  

ach ja, 

als ich gestern Nacht

zurückkam

war da ein Brief

 

von dir

 

brach das Siegel

zeigte Säulen

Sarkophage

ein Lachen

 

von dir

 

fühlte Lachen

nahm Lächeln

mit ins Bett

den Gruß

 

von dir

 

legte heute morgen

auf den Schreibtisch

bedacht den Brief

so empfange ihn gleich wieder

 

von dir

 

Ich war zum Jahreswechsel in der Türkei zum Urlaub:  Schlechtes, kaltes Wetter, ein Sch ... -Hotel, unruhige Mitgäste.  Als Schreiber wollte ich eigentlich auch Urlaub machen und nichts schreiben, aber zu meinen grauenhaften Silvester-Neujahrsgefühlen musste ich doch wenigsten einen einzigen Satz los werden:

 

„EinSatz in der Türkei“

 

Ich muss niesen, wahrscheinlich eine allergische Reaktion auf den Klebstoff, den ich mit dem Wasserdampf beim Ablösen des Flaschenetiketts vom transsilvanisch-rumänischen Champagner, einatme;

der von dem jetzt endlich, leider nicht in Sonnenkollektoren durch die  türkische Sonne erhitzten, heißen Wasser mir über dem Hotelbadezimmerwaschbeckenrand am Neujahrsmorgen in die Nase zieht, so dass ich so richtig abniesen muss

und mir meine Muse daraufhin Entzündungstropfen, ein angeblich cosmo-homöopathisches Arzneimittel aus Baden-Baden, laut bis Fünfzehn abzählend einträufelt, als Demutstropfen,

weil ich drakula-klischeehaft die Champagner-Spende gestern Abend von Valentin und Simona mit unserer unfreiwilligen Blutspende als Gegenleistung    -  wenn auch nur insgeheim - in Verbindung gebracht habe;

denn von einem Kommunikationsspezialisten, wie es Valentin eben ist und erst recht von einer  Poetin wie Simona – vielleicht wird sie ja mal die  Simone de Beauvoir Rumäniens – hätte ich nichts Schlimmes denken sollen,

sind die beiden doch ein Abbild unserer selbst, in dem wir beide, meine kommunizierende Muse und ich als okzidentischer Poet, uns widerspiegeln;

zwar spiegelverkehrt, aber zu diesem Zeitpunkt waren wir keine Vampire, denn wir spiegelten uns ja – noch – was auch eine Zeit lang später so war, denn meine Schmuse und ich haben uns noch in der Silvesternacht am Sternenhimmel über der türkischen Ägäis - oder genauer gesagt über der griechischen Insel Samos, aber von der türkischen Seite aus gesehen - als Mond und Venus widergespiegelt; 

es sei denn, ----  im trans-rumänischen Champagner wären Extra-Spiegelungstropfen in hoher Potenz gewesen, die angehende Vampire - die meine Muse und ich vielleicht doch schon sind – möglicherweise -  wenn auch nur für eine gewisse Zeit – doch spiegeln ließe;

wir uns so in Sicherheit wägen sollten, bis sie sich noch ein paar Mal labend an uns festsaugen,

denn zu gerne hätte ich gestern Abend - nur um sicher zu sein - oder auch heute Morgen beim Frühstück ihre Hälse gesehen, wegen der Bissmale;

doch ich musste ja satt dessen wie zwanghaft gestern Abend immer wieder auf Simonas runden, üppigen - aber nicht zu üppigen - Busen starren, musste mir vorstellen, wie er wohl in „Natur“ aussieht, denn die Brüste waren im Ansatz gut zu sehen,

was aber vielleicht nur ein Trick war um mich abzulenken, denn ihre Hälse, die, die waren seltsamerweise immer geschickt verdeckt;

denn wenn dort Bissmale gewesen wären,

es keine absichtslose Sektspende,

doch transsilvanisch-homöopathische Vampirtropfen gewesen wären,

ja dann habe ich als Beweis das Flaschen-eti-kett,  - schön platt gedrückt und in meine Schreibkladde eingeklebt - aufbewahrt, damit sich unsere Nachwelt einen Reim darauf machen kann,

falls später erzählt werden sollte, dass ich des nachts in unserem Hotel als Herbert die Rumänen polanskihaft durch die Flure gejagt hätte - samt allen Bulgaren,

denn dann, dann  wäre mein schrecklicher Verdacht doch nicht unbegründet gewesen,

tröste mich aber zugleich mit der Vorstellung, wie meine Schmuleika in einem weißen – nein - in einem schneeweißen Marmor-Sarkophag entspannt in sich ruht, sie den mit Medusaköpfen reich verzierten Deckel lüstern zur Seite schiebt, mir lockend zuwinkt,

ich flatterhaft zu ihr fliege, wir Ra-trunken uns gegenseitig Ki-saugen, bis wir in der Morgendämmerung uns unsere Horrorskopträume gegenseitig auflösen.

 

Herbert Beesten, Silvester/Neujahr 2008/2009 in Kusadasi/Türkei  

 

Trialog-Hälfte

Hi Giordano,

die letzen Wochen, voll von Abwechslung, Spiralen: Im Kreise drehen, weiter,  weiter, weiter  sehen, mich erheben, umschauen, ja nicht wieder an den gleichen Stellen ankommen, zurück trachten, drehen.

Mit Sicherheit unsicher werden; mehr Leben zulassen, damit Leiden bringen, Freude empfangen, Traurigkeit schüren.

Deute den Raum, den ich fülle, meine hohle Innenschicht - diese dichte auspolsternde Hülle - mir das Leben filtert - um mich vor dem Außen zu schützen, mein Nach-Außen maskiert, als Überfratze des Andersseins wünschen – nein - mein harmonisches Liebsein wollen.   

Sitze in Unterhose und  T-Shirt im Korbsessel. Höre Rosen, stolz die Beine auf der Arbeitsplatte der Ein-Raum-Appartement-Küche. Steche mit der rechten äußersten Gabelzacke diese Gernleben-wollen-Worte per Touch Panel in den PDA.

Nach hart gekochten Eiern mit Salz, Bautzener-Glas-Senf und Tuben-Oro-Tomatenmark auf Abendbrötchen, lösche ich das Völlegefühl mit meinen "Ich-will-leben-Cocktail" ab.

Die Zutaten schreien, gieren, bieten sich obszön an: künstlich-grüner, warmer, Pfefferminzlikör, wärmebehandelte, aber jetzt kalte 10-prozentige Kondensmilch, kohlensäurende Apfelschorle, ein Schuss Maracuja-Sirup mit verklebten Drehverschluss und mit warmer halb-transparenter Abend-Orange-Sonne, dann weiß-schleimigen, fädenziehender Mandelsirup mit einem Spritzer satt-dunkelsüßen Casis.

Auch durch das harte schnelle Schütteln kann ich nicht verhindern, dass die im Dämmerlicht schmutzig-graulich wirkende Flüssigkeit ausflockt, sämig gerinnt. Die aufgewühlte Kohlensäure dem Cocktail-Shaker zischend dünnenflüssigen Sabber herauspresst:

Schmeckt! Weil es mir egal ist.

Die zwei auf dem Rand der matten Edelstahlspüle liegenden, prallen, gepellten, noch glänzenden Eier wirken unter dem schräg einfallenden Licht der Dunstabzugshaube wie ein abnehmender Zwillingsmond.

Hier bin ich! Herr in meinem Kosmos.

 

Sorry Giordana, mir fällt gerade ein, du bist ja Gourmet und Weinkenner.

Keine Angst! Es geht mir gut, fantasiere nur eine Spur, von mir zu dir.

Lass uns demnächst mal wieder treffen,

unser Reden über leckeres Essen hören,

schön Schmeckendes sehnlich trinken.  

 

Die andere Trialoghälfte:

 

Und du mein Schatz!

Stell mir grad vor:

Wir wären die beiden, im grünen Pfefferminzlikör eingelegten, hart gekochten Eier:

Schmiegen uns leicht, zart schwebend  übereinander, oben smarakt grün schimmernd, unten noch unschuldig weiß, aber schon ahnend, dass wir interessant schmecken:

 

Den kühlen Pfefferminzgeschmack, der in unseren Geschmacksknospen scharf eindringt,

schmecken, wie keiner schmeckt,

wir schlucken, wie keiner schluckt,

keiner außer uns so den zweifelnden Widerhall der Geschmackshäute vernimmt,

wie wir beim genüsslich essen. Gänsehautfühlen, Gänsehautsehen,

unseren Du-Geschmack empfangen.

 

Wir schauern beim Steigen in die kalten Fluten,

doch schon bald das Hinab des Wasserstromes genießen.

 

Du verstehst mich nicht?

 

Macht nichts! Bin heute Nacht etwas sentimental.

Träume mich zu dem in mir eingebrannten Bild.

 

Sehe dich, die Bettdecke wie einen Kragen und Schutzschild, auf der Seite liegend, entspannte Duckstellung mit eingezogenem Kopf.

Du, meine Traumblicke kommwollend empfängst.

 

Ich glaub, ich sehne mich nach dir!

 

allein

die späte stunde fragt nach dem sinn
lässt meine gedanken schweifen  
meine stimmung
wie das schwarz über dem fluss
meine gefühle halten sich fest an worte
in denen ich vermutet halt suche
so gebäre ich sätze
als brücke für meine hoffnung
über die ich mich später begebe
allein
mit dir zusammen
mit euch zusammen
nicht mehr
allein

 

 

 

 

 

 

 

Junge Liebe

Wenn ich einsam bin - meine Augen zu mache.
Wenn ich träume - mich nach dir sehne
Wenn ich traurig bin - alleine
Dann bist du da.
Wenn auch nur in meinem Kopf.
Wenn auch nur in meinem Bauch.
Ich sehe dich, wie du auch die Augen zu machst
und wir uns in diesem Dunkel treffen
Sehe dich, Musik träumend.
Fühlst Du meinen Traum?
Ich weiß nicht, was Traum, was wirklich ist,  für mich
Was richtig  für mich, was wichtig für uns.
Träume mich hoch zum Mond
der deine großem Augen, dein Lachen auf mich zurückwirft.
Das Mondlicht, mich bei den Gedanken an dich
als  zarter, wohlig-schöner Schmerz erreicht.
Schmerz ohne Krankheit
Liebe ohne Leben
Leben mit Schmerz
Schmerzen, die krank machen
Ich polstere meine Herzhöhle für dich
Damit du bei mir sein kannst
Nicht nur, wenn wir die Augen schließen
Nicht nur, im schönen innigen Moment.

 

Dein Lachen

In der Dämmerung spüre ich nach dir,
muss dich finden, muss dich sehen.
Wann bist du wieder so nah - nur bei mir,
dass wir dem Dämmern entgehen.
Dann sehe ich dein helles freudiges Lachen,
das Schwinden des Dämmern.
Dein Lächeln fruchtet so viele Seelenbrachen,
hilf, dies zu verlängern.
Da ist sie - Vertrautheit
gibt der Seele ein Ziel,
raubt ihr meine Rauheit,
eröffnet mir so viel.
Fühl ich dann allein wieder diese Schmerzen,
werde ich dein Lachen nehmen
als Balsam für die Höhle meines Herzen
und anderswo nach Lachen flehen.

 

Roter Sonnentanz

Regen regte den langroten Abendsonnenersatz  zum Fragenreigen
versöhnlich lächelnd,
- fast so offen wie ihre sanfte Schulterlandschaft -
Fantasieaugen einladend zur dunkelrot verhüllten absichtsvollen Gedankenberührung
treffen sich im innen gut versteckten Zweifel am Gegenüber
entdecken brillierende Farben,
mit denen sie ihre Hoffnung vermalen
zwischen Arbeit und Leben,
suchen sie im Tanz das gemeinsame Rot daneben  

 

Verzehren

Ich konnte mich nicht erwehren,
dir was zu geben, zum Verzehren
Jetzt, in die Ferne lenkend,
haben wir was – gerne denkend

 

 

 

Alte Liebe

Zeit – viel Zeit – viel Vergangenheit.
Jahrzehnte - gefiltert durch den Blick von heute
Alles Geschichte und Geschichten,
gesammelt, ohne Ordnung, ohne Plan,
und doch genau so, wie Tausend andere.
Geschichten, anfangs  vom Du und Ich,
dann vom dem Wir ,
später Geschichten  von Euch, von Ihnen,
in denen wir unser Du und Ich verloren haben.
Jeder Glückfall wirft uns zurück
Zurück in das Du und Ich
zurück in dem Augenblick
wo die Zukunft nicht wichtig war
Zeit – viel Zeit  - zuviel Vergangenheit
Erklommen wie einen Berg
Hoch – höher - bis die Luft zu dünn.
Zu dünn zum Denken.
Zu dünn zum Träumen.
Wieder die Geschichten, jetzt  vom Ich und Du
Auf der Suche nach meinem – du nach deinem ICH
Ob wir uns suchend wieder begegnen?
Gehörst DU zu meinem sprachlosen ICH?
Auf stummer ängstlicher Suche,
nach Luft zum Atmen, ohne dir die Luft zu nehmen,
nach Liebe zum Leben, ohne dir die Liebe zu nehmen!
Zeit – zu wenig Zeit.
Zu wenig Liebe für eine Zukunft?  

 

ICH  DICH

Ich fasse dich an
Ich fühle dich
Ich rühre dich an
Ich spüre dich
Ich sehe dich an
Ich ahne dich
Ich rege dich an
Ich rieche dich
Ich spreche dich an
Ich höre dich
Ich mache dich an
Ich schmecke dich
Ich liebe dich an
Ich liebe dich
Ich an Dich
Ich denke dir nach
Du zu mir!

 

Du mich!

Ich lüge dich an
Ich quäle dich
Ich stinke dich an
Ich ärgere dich
Ich sauge dich an
Ich leere dich
Ich kotze dich an
Ich breche dich
Ich steche dich an
Ich löchere dich
Ich ätze dich an
Ich verbrenne dich
Ich leide dich an
Ich schmerze dich
Ich ekele dich an
Ich hasse dich!
Du mich auch
Ich denke dich weg
Du von mir                      

 

Gebogenes Denken

Beim Drübernachdenken, wie wackelig, unsicher, düster und gefährlich
verzweifelnd dein Pfad über dem Abgrund ist
-   entdecke ich –
dass ich nachts im wackligen alten Flugzeug sitze,
unter mir Zehntausend Meter eiskalte Luft, tausend Meter tiefes schwarzes Wasser!
Und jetzt?
Meine Gedanken
an die sichere Landung am nächsten Tag, an dein Abholen, biegen mein  Denken

wieder in horizontaler Richtung.
Wo ist der Sonnenaufgang?

 

 

 

Verlorener Abschied

Schweigend, der frühe Weg zum Bahnhof,
der erste richtige Herbsttag.
Halten uns fest an Worten,
was noch zu tun...  was noch zu machen ist.
Es ist alles gesagt.
Das Verstehen verloren.
Die Herbstsonne löst den Dunst,
wir die enge Vertrautheit.
Macht den Abschied leichter.
Ruhige Höflichkeit mit Distanz,
freundliche Hilfsbereitschaft ohne Nähe.
Überwinden die Verspätungsminuten.
Den anderen nicht halten, nicht lieben können
wird zur Gewissheit,
die ertragen werden muss.
Der Zug ist da,
gibt den Takt für den Abschied.
Verloren gehen wir unserer Wege
und finden dort die Frage,
wann der Abschied begann.